PISA-Schock 2.0 – Deutsche Schüler immer schlechter
Die neue PISA-Studie, die am 09.09.2026 vorgestellt wurde, zeigt die schlechtesten Leistungen für deutsche Schüler seit Beginn der Erhebung. Jeder dritte 15-Jährige erreicht beim Lesen und in Mathematik nicht das grundlegende Kompetenzniveau, in den Naturwissenschaften ist es ungefähr jeder Vierte. Die Leistungen liegen damit in allen drei Bereichen so niedrig wie noch nie seit Beginn der PISA-Studien vor 25 Jahren. Haben sich die Ergebnisse nach dem ersten PISA-Schock 2000 vorübergehend gebessert, ist die Aufholjagd nun vorbei. Das sagt zumindest der Leiter der deutschen PISA-Studie Samuel Greiff. Seit 2015 sinken die Leistungen kontinuierlich.
Gerade die Lesefähigkeit macht aber auch in anderen Ländern Sorgen. Das sieht die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), die die PISA-Studie koordiniert, mit Sorge. Denn Lesen ist die Grundlage für fast alles weitere Lernen. Gleichzeitig hat international die Zahl der sogenannten “hasty readers” zugenommen. Das heißt, Jugendliche überfliegen die Texte nur hastig und geben dann häufig falsche Antworten. Eine mögliche Erklärung sieht die OECD im veränderten Leseverhalten. Das schnelle Überfliegen von Inhalten bei Instagram, TikTok und anderen Social-Media-Angeboten könnte dazu beitragen, dass konzentriertes Lesen schwerer fällt. Beweisen kann PISA diesen Zusammenhang allerdings nicht.
PISA zeigt auch, dass es anders gehen kann. Singapur, Japan, Estland oder Korea zählen zu den Ländern mit den leistungsstärksten Bildungssystemen. Sie setzten nicht nur auf einzelne große Reformen, betont Samuel Greiff, sondern steuerten kontinuierlich nach. OECD-Bildungsdirektor Andreas Schleicher sieht noch eine Gemeinsamkeit erfolgreicher Schulsysteme: Es wird weniger Stoff vermittelt, dafür mit mehr Tiefe. Lehrkräfte hätten genug Zeit, Konzepte für einen guten Unterricht zu entwickeln und sich um einzelne Schüler zu kümmern.
Ein Problem hält sich in Deutschland hartnäckig: Der Bildungserfolg hängt nach wie vor häufig davon ab, aus welcher Familie ein Kind kommt. Die Unterschiede zwischen sozial privilegierten und benachteiligten Jugendlichen sind seit 2015 sogar größer geworden. Doch auch in Deutschland gebe es positive Ansätze, sagt Greiff, etwa das Startchancen-Programm: Es soll rund 4.000 Schulen mit schwierigen sozialen Voraussetzungen über zehn Jahre gezielt unterstützen. Bund und Länder stellen dafür 20 Milliarden Euro bereit.
An möglichen Lösungen mangele es also nicht, meinen die Macher der Studie: Kinder früher fördern, Schwierigkeiten schneller erkennen, Schulen in schwierigen Lagen stärker unterstützen. Das Problem liege vor allem in der Umsetzung, also erfolgreiche Ansätze flächendeckend und langfristig im Bildungssystem zu verankern. Die entscheidende Frage nach 25 Jahren PISA ist deshalb weniger, was Deutschland tun könnte, sondern, ob es gelingt, das vorhandene Wissen dauerhaft im Schulalltag umzusetzen.
Ein Aspekt wird bei der Interpretation der Studienergebnisse aus der Sicht von Lesewelt-Vorstand Ursula Frommholz unterschätzt: Die Eltern! Sie sagt: “Unsere Erfahrung zeigt, dass Kinder häufig Probleme rund um das Lesen entwickeln, wenn Eltern dem Thema Bildung keine Bedeutung zumessen. Und das ist leider häufig bei Familien, die aus muslimisch geprägten Ländern zugewandert sind, der Fall. Deswegen wundert es auch nicht, dass es insbesondere in asiatischen Ländern deutlich bessere Studienergebnisse gibt. Dies hat aus meiner Sicht weniger mit dem dortigen Schulsystem zu tun als vielmehr mit der Einstellung der Gesellschaft gegenüber dem Thema Bildung. Seit Ende der Corona-Pandemie erreichen wir in den Lesewelt-Vorlesestunden weiterhin viele Familien mit Migrationshintergrund, aber deutlich weniger aus muslimisch geprägten Ländern. Gerade diese Kinder hätten es aber dringend nötig. Deshalb lautet unser Fazit: Der Staat kann noch so viel Geld ins Schulsystem stecken, wenn die Eltern nicht mitspielen, wird es schwer. Und solange dieses gravierende Problem ausgeblendet wird, wird es kaum Besserung geben.“
